Gezeichnetes Fahrzeug mit Papierrollen als Räder

Kreatives Denken: 9 Tipps für Workshops oder Schule

In einer Welt, die sich ständig verändert und in der die Herausforderungen immer komplexer werden, ist kreatives Denken nicht nur irgendeine Fähigkeit. Kreativität ist in den letzten Jahren immer stärker in den Fokus gerückt – vor allem im wirtschaftlichen Kontext, aber auch in der Bildung. So wird in PISA 2022 zum ersten Mal das kreative Denken von Schüler:innen erfasst. Die Ergebnisse dazu werden Mitte des Jahres 2024 erwartet.

 

Kreatives Denken ermöglicht es uns, über den Tellerrand hinauszuschauen und innovative Lösungen für schwierige Herausforderungen zu finden. Ganz nach dem Motto: “Creativity is inventing, experimenting, growing, taking risks, breaking rules, making mistakes, and having fun.“ (Mary Lou Cook)

 

Kreative Denker:innen können sich leichter an Veränderungen anpassen, da sie gewohnt sind, flexibel zu denken und verschiedene Perspektiven zu berücksichtigen. Das Columbus Museum of Art hat zum Denken wie Künstler:innen ein ganz interessantes Kompetenzraster für Pädagog:innen aufgestellt. Dazu gehören u. a. positive Fehlerkultur, Aushalten von Mehrdeutigkeiten, Fragen vor Anworten oder spielerisches Experimentieren.

 

Ich habe darüber nachgedacht, was meine wichtigsten Tipps zur Förderung kreativen Denkens für Lernsettings sind und jeweils auch konkrete Praxistipps dazu ergänzt.

1. Kreatives Denken ist Wertschätzung

Alles beginnt mit deinem Mindset. Hältst du dich selbst eigentlich für kreativ? Kennst du Gedanken oder Aussagen wie: „Sorry, ich bin halt einfach nicht so kreativ.“? (Dazu habe ich eine Podcast-Folge gemacht.) Beim kreativen Denken sind wir gezwungen, uns unseren eigenen Annahmen, Befürchtungen oder auch Ängsten zu stellen. Denn was wir brauchen, ist eine positive innere Haltung gegenüber dem Kreativprozess.

Praxistipp „Regeln aufstellen“: Wenn ich Lernende auf einen Kreativprozess einschwinge, dann sage ich ihnen häufig ganz konkret, was ich von ihnen heute „brauche“ für den Prozess. Also ich erkläre, dass Kreativmethoden nur funktionieren, wenn wir sehr offen miteinander sind, Erfahrungen teilen, Fehler machen als Chance sehen und neugierig sind etc. So setze ich den Rahmen für das was kommt und nehme eventuelle Ängste, zum Beispiel eine perfekte Idee entwickeln zu müssen.
 

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2. Kreatives Denken ist Wahrnehmen

Wir alle nehmen immer nur einen Bruchteil der Informationen bewusst wahr, die tagtäglich auf uns einströmen. Die meisten Dinge nehmen wir schlicht gar nicht wahr. Darunter sind aber vielleicht Dinge, die uns beim Lösen einer Fragestellung helfen können. Wahrnehmung lässt sich trainieren.

Praxistipp „mit allen Sinnen“: Ich mag die ganz einfache Übung, kurz inne zu halten, die Augen zu schließen und dann mit allen Sinnen die Umwelt wahrzunehmen. Wichtig: Mit allen Sinnen nacheinander! Das lässt sich auch wunderbar mit sehr jungen Lernenden üben. Es ist beeindruckend, was plötzlich zu hören, riechen oder fühlen ist, was wir sonst nie wahrgenommen hätten.

 

3. Kreatives Denken ist Sammeln

Kreative Menschen sind wie Schwämme, die dauernd Beobachtungen, Eindrücke oder Erfahrungen in sich aufsaugen. Das kann etwas sein, was direkt zu einer Idee führt. Es kann aber auch etwas sein, was uns einfach anspricht und wir für später abspeichern. Das passiert mehr oder weniger bewusst.

Praxistipp „Schatzkiste“: Zum Sammeln von Eindrücken einer Gruppe eignen sich (digitale) Boards. Oder auch eine Schatzkiste in einem Schuhkarton zum Beispiel, wo Gegenstände oder Fotos hinein gelegt und aufbewahrt werden. Im Kreativprozess können dann die Lernenden immer wieder zur Sammlung zurückgehen und sich davon inspirieren lassen. So könnten zum Beispiel die Lernenden passende Gegenstände von zu Hause mitbringen, Fotos oder auch Fragen, die sie zu einem bestimmten Thema oder einer gesetzten Problemstellung haben.

 

4. Kreatives Denken ist Verbindungen herstellen

Manchmal machen wir uns viel Druck damit, dass wir im Kreativprozess die eine super neue, innovative Idee entwickeln wollen. Aber eigentlich ist doch alles irgendwie schonmal da gewesen. Genau diesen Aspekt greift auch Austin Kleo in seinem Buch „Steal Like an Artist“ auf. Hierin erklärt Kleo u. a. sehr anschaulich, wie eigentlich alle großen Künstler:innen von anderen Künstler:innen erfolgreich Ideen klauen bzw. sich permanent gegenseitig inspirieren.

 

Ein Beispiel aus dem Bildungskontext: Escape Rooms kamen vor über 10 Jahren als Live Spiele nach Deutschland und erfreuen sich noch immer riesiger Beliebtheit. Nach und nach entstanden immer mehr Edu Breakouts. Die bestehende Projektidee der Escape Rooms wurde damit auf einen anderen Kontext übertragen. Das ist etwas, was an ganz vielen Stellen immer wieder bei der Entwicklung von Ideen passiert. Es ist eher die Ausnahme, dass eine Idee wirklich komplett neu und noch nie dagesessen ist.

Praxistipp „Assoziieren“: Für dieses Übertragen oder Verbinden von Ideen gibt es eine Menge Kreativtechniken. So könntet ihr euch zum Beispiel ein spannendes Projekt oder eine Marke suchen (gern auch eine zu einem ganz anderen Thema) und in einem ersten Schritt aufschreiben, was ihr alles damit verbindet. Ihr könnt auch die Gegenstände aus eurer Kiste (siehe Tipp „Schatzkiste“ bei 3) nutzen. 

 

In einem zweiten Schritt stellt ihr die Verbindung zu eurer Fragestellung her und überlegt, wie sich die gefundenen Aspekte wiederum darauf beziehen lassen. 

 

Beispiel: Es ist ein Stein in der Kiste. Schritt 1: Dazu werden Assoziationen gesucht, also sowas wie: er ist hart, er ist rund, er ist grau etc. Schritt 2: Dann überlegt ihr, wie die Idee wäre, wenn sie hart ist, rund oder grau etc.

 

5. Kreatives Denken ist Experimentieren

Kreativ zu denken, bedeutet auch immer freies Erkunden und Experimentieren. Einfach mal darauf los werkeln, ausprobieren und schauen, wohin es einen führt. Auch dem Zufall eine Chance zu geben.

Praxistipp „Papier-Prototypen“: Ich arbeite bei der Ideenentwicklung sehr gern mit Papier-Prototypen. Das heißt, ihr baut aus Papier und einfachen Materialien wie Schere, Leim etc. einen Prototyp der Idee. Wichtig: Keine großen Kunstwerke bauen, sondern in 10 bis 15 Minuten schnelle Entwürfe kreieren, die die Grundfunktionen der Idee darstellen. Das geht auch wunderbar mit jüngeren Schüler:innen. Der Vorteil ist, dass die Idee dadurch plastischer und auch erfahrbarer für andere wird.

 

6. Kreatives Denken ist Ausmisten

Zum kreativen Denken gehört nicht nur Ideen zu haben, sondern diese auch auszufiltern zu können. Das ist konvergentes Denken, wofür wir vor allem logisches und analytisches Denken benötigen. Das Filtern fällt vielen nicht so leicht, denn umso länger wir an einer bestimmten Idee gearbeitet haben, umso mehr haben wir uns unter Umständen auch schon in sie verliebt und können uns nicht trennen.

Praxistipp „Bewertungsmatix“: Was empfehle ich zum Aussortieren? Eine schnell und einfach umzusetzende Variante ist eine Bewertungsmatrix. Definiert zuerst gemeinsam mit den Lernenden, was eure Idee auf jeden Fall haben sollte. Beispiele: „Die Idee ist in einer Woche umsetzbar.“,  „Die Idee ist neu und innovativ.“ … Findet mindestens drei solcher Merkmale und kreuzt dann ab, auf welche Idee die Aspekte zutreffen und filtert danach aus.

 

Noch einen Schritt weiter gehen? Die Ideen nach Aspekten wie „schwer – leicht umsetzbar“, „niedrige – hohe Priorität“ o. ä. auf einem Koordinatensystem ranken.

 

7. Kreatives Denken ist Kommunizieren

Schöne Ideen nützen nichts, wenn sie nicht geteilt werden. Oft wissen wir erst, ob eine Idee gut ist oder funktioniert, wenn wir jemand anderen davon erzählen.

Praxistipp: „Ideen Pitch“ Um das Sprechen über eine Idee zu fördern, eignen sich kleine Zwischenpräsentationen oder Ideen Pitches, nach denen es Feedback aus der Gruppe gibt: Was gefällt? Welche Fragen sind offen? Welche Bedenken gibt es? Welche weiteren Ideen haben die anderen? Alternativ können die Lernenden ihre Präsentationen auch als Video mit dem Smartphone aufzeichnen und präsentieren.

 

8. Kreatives Denken ist Geduld

Richtig gute Ideen finden ist in der Regel kein Sprint, sondern ein Marathon. Heißt, durch einen Kreativprozess müssen wir uns durchbeißen und Ausdauer mitbringen. Dazu gehört auch immer wieder Rückschläge auszuhalten. So anstrengend es klingt, kann es sein, dass wir im Zweifel nochmal ganz von vorn beginnen müssen.

Praxistipp „im Flow bleiben“: Um gewissermaßen am Ball zu bleiben und den kreativen Flow aufrecht zu erhalten, haben Kreative einen Trick, der auch mir sehr hilft: Die Arbeit an einer kreativen Idee immer auf einem kreativen Höhepunkt beenden und dort später oder am nächsten Tag wieder anzusetzen. Und nicht in einem kreativen Tal.


Steckt eine Gruppe in der Ideenfindung zum Beispiel fest, kann eine Zwischenpräsentation hilfreich sein, mit denen die Gruppe neue Impulse erhält und damit die Motivation wieder steigt. Anschließend wird es der Gruppe sehr viel leichter fallen, den Faden wieder aufzunehmen und mit einer positiven Haltung wieder an die Arbeit zu gehen.

9. Kreatives Denken braucht ein bisschen Firlefanz

Eine kreative und anregende Umgebung, schönes Material, Post-its, bestimmte Routinen, Musik hören… all das kann die Kreativität fördern. Aus meiner Sicht sind diese Aspekte sehr individuell und nicht zwingend ausschlaggebend für erfolgreiche Kreativprozesse. Hier solltet ihr also euren eigenen Weg finden.

Tipp „Gestaltung Kreativ Space“: Ich mag es, mit Lernenden gemeinsam über die Umgebung, in der wir zusammen arbeiten, nachzudenken. Welche Ideen haben die Lernenden, den Ort noch ein bisschen inspirierender und kreativer zu gestalten? Was brauchen sie, um gute Ideen entwickeln zu können? Je nach Kontext und Kapazitäten kann dann gemeinsam die Gruppe den Raum etwas umgestalten.


Bild von Piyapong Saydaung (bearbeitet) auf Pixabay