Loslassen lernen

Aus Gesprächen mit verschiedenen Lerngestalter:innen wissen wir, dass es bestimmte Situationen gibt, in denen man einfach nicht weiterkommt. Sei es der Druck von außen, fehlende Resonanzen oder zu viele Ideen gleichzeitig. Hinter vielen Situationen steckt oft nicht die fehlende Kreativität, sondern Perfektionismus.

Perfektionismus klingt zunächst nach etwas eher Positivem. Man möchte, dass alles gut gelingt, dass nichts schiefgeht, dass am Ende ein möglichst perfektes Ergebnis steht. Doch genau hier beginnt oft das Problem: Wer alles kontrollieren will, hält krampfhaft an Ideen, Plänen und Erwartungen fest. Nichts darf falsch sein. Abweichungen werden als Scheitern empfunden. Das Ergebnis ist nicht selten Erschöpfung, innere Leere und das Gefühl, sich selbst verloren zu haben.

Der Wunsch nach Perfektion verhindert häufig genau das, was er eigentlich erreichen will: Kreativität, Ideen und Entwicklung. Stattdessen entsteht Druck und Frustration.

„Manche Menschen glauben, Durchhalten macht uns stark. Doch manchmal stärkt uns gerade das Loslassen.“

1. Loslassen ist nicht Aufgeben

Ein zentraler Punkt beim Thema Loslassen ist die klare Abgrenzung zum Aufgeben. Aufgeben bedeutet, Verantwortung abzugeben, sich zurückzuziehen oder den eigenen Weg komplett zu verlassen.
Loslassen hingegen ist etwas anderes. Es heißt nicht, die Orientierung zu verlieren oder sich nicht mehr zu kümmern.

Loslassen bedeutet, das Nicht-Wissen auszuhalten. Den Prozess wichtiger zu nehmen als das fertige Ergebnis. Offen zu bleiben für Entwicklungen, die man nicht vollständig kontrollieren kann.

Gerade dieses Aushalten von Unsicherheit kann etwas sehr Wertvolles ermöglichen: Austausch und Zusammenarbeit. Wenn nicht alles vorher festgelegt ist, entsteht Raum für andere Perspektiven, Kompetenzen und Ideen. Effektives Arbeiten entsteht dann nicht durch Kontrolle, sondern durch gemeinsames Gestalten.

2. Perfektionismus ≠ hohe Ansprüche

Wichtig ist auch, Perfektionismus nicht mit hohen Ansprüchen zu verwechseln. Zwischen diesen beiden Haltungen liegt ein großer Unterschied:

„Ich will etwas Gutes machen.“

„Es darf nichts falsch sein.“

Der erste Satz lässt Entwicklung zu. Der zweite blockiert sie. Hohe Ansprüche können motivieren und Qualität fördern. Perfektionismus hingegen erzeugt Angst vor Fehlern und verhindert, dass man Dinge überhaupt beginnt oder abschließt.

Loslassen heißt also nicht, gleichgültig zu werden, sondern sich von der Angst vor Fehlern zu lösen.

3. Loslassen in der Kunst: Jackson Pollock

Ein eindrucksvolles Beispiel für kreatives Loslassen findet sich in der Kunst. Jackson Pollock, einer der bekanntesten Vertreter des Abstrakten Expressionismus, stellte den Prozess über das Ergebnis. Mit seiner radikalen Drip-PaintingTechnik ließ er Farbe aus einer durchlöcherten Konservendose auf eine flach liegende Leinwand tropfen, während er die Dose an einer Schnur über die Fläche schwang.

Pollock wusste nie genau, wie das fertige Bild aussehen würde. Er kontrollierte nicht jede Linie, sondern gab sich dem Moment hin. Genau darin lag die Stärke seiner Werke. Sie zeigen, dass Loslassen nichts Negatives ist, sondern eine Voraussetzung für echte Kreativität sein kann.

4. Kreativität braucht Raum, keinen Leistungsdruck

Auch die Designerin und Creative Director Raissa Pardini beschreibt in ihrem TED Talk Creativity needs a Womb, not a Machine, wie sie sich in ihrer Arbeit zunehmend wie eine Maschine fühlte. Der ständige Leistungsdruck führte dazu, dass sie lange Zeit gar nicht mehr kreativ arbeiten konnte.

Sie spricht darüber, wie wichtig es ist, wieder darauf zu hören, was man selbst zur Kreativität beitragen kann. Nicht alles zu optimieren, sondern sich selbst Raum zu geben. Pardini nennt diesen Prozess The Art of Unlearning das bewusste Verlernen von festen Regeln und Erwartungen. Ähnlich wie bei einem Kind, das kreativ handelt, ohne sich ständig zu fragen, ob es „richtig“ oder „falsch“ ist.

Loslassen bedeutet hier, sich vom starren Weg „wie man es halt macht“ zu verabschieden. Nur so lässt sich verhindern, dass man sich leer fühlt oder innerlich abstumpft.

Fazit

Loslassen ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Akt von Vertrauen in den Prozess, in andere Menschen und in sich selbst. Wer bereit ist, Kontrolle abzugeben, gewinnt oft neue Perspektiven, mehr Leichtigkeit und echte kreative Energie.

Manchmal liegt die größte Stärke nicht im Durchhalten, sondern im Mut, loszulassen.

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Beitragsbild: Illustration erstellt mit Unterstützung von KI (recraft.ai)

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