Einfach anfangen: Drei Wege ins Experimentieren
Kreative Methoden können mehr, als Workshops und Lernformate zu bereichern.
Manchmal können sie auch dort helfen, wo das Leben gerade besonders herausfordernd ist.
Für die Broschüre des Projekts „Tigerherz“ durften wir einen kleinen Methodenkoffer mitgestalten. Tigerherz unterstützt Familien, in denen ein Elternteil an Krebs erkrankt ist. Das Forschungsprojekt des Universitätsklinikums Freiburg untersucht dabei, wie Familienresilienz gestärkt werden kann.
Mit dabei ist unser kleiner Methodenkoffer mit kreativen Übungen, die Familien dabei unterstützen können, gemeinsam ins Gespräch zu kommen, Perspektiven zu wechseln oder einfach mal etwas auszuprobieren.
Gerade dieses Ausprobieren finden wir spannend. Denn Kreativität wird häufig mit großen Ideen verbunden. Mit Innovation, Gestaltung oder dem Moment, in dem plötzlich etwas Neues entsteht. Dabei kann Kreativität auch viel kleiner anfangen: mit einer Linie auf einem Blatt Papier, einer ungewöhnlichen Kombination oder einer bewusst schlechten Idee.
Und manchmal ist genau dieser kleine Anfang das Entscheidende.
Wenn der Anfang schwerer als die Idee ist
Wir kennen das auch aus unserer Arbeit: Eigentlich wissen wir, dass es helfen könnte, eine Sache einfach einmal auszuprobieren. Einen Gedanken sichtbar zu machen. Eine andere Perspektive einzunehmen. Einen ersten Entwurf zu bauen, statt noch länger darüber nachzudenken.
Und trotzdem tun wir es oft nicht. Zu wenig Zeit. Zu hohe Ansprüche. Die Sorge, dass der erste Versuch schon funktionieren muss. Oder schlicht die Frage: Wo fangen wir überhaupt an?
Wenn Experimentieren sich wie eine weitere Aufgabe anfühlt, braucht es vielleicht gar keine ausgefeilte Innovationsmethode. Vielleicht braucht es zunächst einen Rahmen, in dem noch nichts funktionieren muss.
Die folgenden drei Übungen sind genau solche kleinen Einstiege. Sie nehmen den Druck heraus, etwas „richtig“ machen zu müssen und schaffen stattdessen Möglichkeiten, etwas wahrzunehmen, zu verbinden oder auf den Kopf zu stellen.
1. Linien-Laune
Statt zu fragen, wie es einem gerade geht, kann man manchmal einfach einen Stift in die Hand nehmen.
So geht´s:
Ein großes Blatt Papier liegt vor jeder Person. Dann geht es darum, die eigene aktuelle Stimmung als Linie zu zeichnen. Ohne Erklärung, ohne Anspruch und vor allem ohne den Versuch, etwas Schönes zu produzieren. Die Linie darf wild sein oder ruhig, brüchig oder kräftig, klein oder raumgreifend. Vielleicht ist sie kaum sichtbar. Vielleicht füllt sie fast das ganze Blatt.
Interessant wird es anschließend: Was sehe ich eigentlich in meiner Linie? Wo ist Bewegung, wo Spannung oder Ruhe? Was überrascht mich? Und was würde diese Linie gerade brauchen? Was dabei passiert, ist ziemlich simpel und gleichzeitig hilfreich: Etwas, das vorher vielleicht nur als diffuses Gefühl im Kopf oder Körper vorhanden war, bekommt eine Form.
Man muss noch nicht genau wissen, was man fühlt oder wie man es formulieren würde. Man kann erst einmal schauen. Gerade für Gruppen kann das einen anderen Einstieg ermöglichen. Nicht jede Person muss sofort erzählen, was gerade los ist. Stattdessen entsteht etwas, das gemeinsam betrachtet werden kann.
Die Linie muss dabei übrigens nichts „bedeuten“, vielleicht ist sie einfach eine Linie. Auch das gehört zum Experimentieren, nicht alles muss sofort einen Zweck erfüllen.
2. Zwei Dinge- eine Idee
Eine andere Möglichkeit festgefahrenes Denken ein wenig zu lockern ist, Dinge zusammenzubringen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben.
So geht´s:
Dafür werden spontan Begriffe gesammelt, zum Beispiel: Socke, Mond, Regenbogen. Dann werden jeweils zwei davon miteinander kombiniert.
Mond + Socke = Mond-Socke
Und jetzt wird es interessant. Denn die Frage lautet nicht: „Was soll das denn sein?“. Auch nicht: „Ist das eine gute Idee?“.
Sondern: „Was könnte das sein?“
Vielleicht ist die Mond-Socke eine besonders gemütliche Socke für Menschen, die nachts schlecht schlafen. Vielleicht ein Kleidungsstück für Astronaut:innen. Vielleicht ein völlig absurdes Produkt, eventuell wird daraus eine Geschichte oder eine Metapher.
Der eigentliche Wert liegt nicht unbedingt im Ergebnis. Die Kombination bringt das Denken kurz aus seiner gewohnten Spur. Wir sind es gewohnt, Dinge in Kategorien einzuordnen. Wir wissen, was zusammengehört und was nicht. Wenn zwei eigentlich unverbundene Dinge plötzlich miteinander verbunden werden, entsteht eine kleine Irritation.
Und genau diese Irritation kann produktiv sein.
Besonders dann, wenn wir schon lange über ein Thema nachdenken und uns dabei immer wieder in ähnlichen Bahnen bewegen, kann ein kleiner Umweg helfen. Nicht, um sofort die perfekte Lösung zu finden. Sondern um überhaupt wieder andere Möglichkeiten wahrzunehmen.
3. Spezialbüro für richtig schlechte Ideen
Noch einen Schritt weiter geht das Spezialbüro für richtig schlechte Ideen.
So geht´s:
Die Aufgabe ist denkbar einfach. Für fünf Minuten werden absichtlich möglichst schlechte, unpraktische oder übertriebene Ideen für eine bestimmte Situation gesammelt. Nehmen wir einen Workshop. Wie könnte man ihn so richtig schlecht machen?
-
Alle reden gleichzeitig.
-
Pausen werden verboten. Feedback gibt es ausschließlich als Schulnote.
-
Wer eine Frage stellt, muss sich entschuldigen.
-
Das Ziel des Workshops wird erst ganz am Ende erklärt.
Je absurder, desto besser.
Das Interessante passiert danach. Denn wenn wir die schlechten Ideen umdrehen, werden plötzlich ziemlich konkrete Qualitätskriterien sichtbar:
-
Wenn alle gleichzeitig reden, brauchen wir Gesprächsregeln.
-
Wenn Pausen verboten sind, wird deutlich, dass Pausen Teil des Prozesses sein sollten.
-
Wenn Feedback nur als Schulnote funktioniert, merken wir, dass wir Rückmeldung ohne Bewertung brauchen.
-
Wenn Fragen peinlich sind, wird klar: Fragen sollten ausdrücklich erwünscht sein.
-
Und wenn das Ziel erst am Ende erklärt wird, wird sichtbar, wie wichtig Orientierung am Anfang ist.
Die schlechte Idee hat damit etwas geschafft, woran eine direkte Frage wie „Was macht einen guten Workshop aus?“ manchmal scheitert. Sie hat einen Umweg genommen. Statt sofort zu bewerten und verbessern zu müssen, dürfen wir erst einmal übertreiben.
Humor schafft Abstand. Aus diesem Abstand wird sichtbar, was uns eigentlich wichtig ist.
Gestaltungsfähigkeit als Möglichkeit, Dinge anders zu betrachten
Experimentieren muss nicht groß anfangen. Es braucht nicht immer ein Innovationsprojekt, einen Workshop voller Post-its oder einen perfekt geplanten Kreativprozess, manchmal reicht ein Blatt Papier, ein Stift, zwei Dinge, die nicht zusammengehören.
Was diese kleinen Übungen verbindet: Sie sind unspektakulär, brauchen keine Vorbereitung und verlangen zunächst kein bestimmtes Ergebnis.
Vielleicht geht es beim Experimentieren weniger darum, gute Ideen zu produzieren, als darum, wieder in einen Zustand zu kommen, in dem überhaupt etwas entstehen kann. Und vielleicht ist genau das der wichtigste erste Schritt: nicht schon wissen zu müssen, was am Ende herauskommt.
Noch mehr Impulse für lebendige Lernräume?
Abonniere unseren Hallo Lerngestalter:in Newsletter und erhalte alle zwei Wochen frische Impulse zu kreativem Lernen, Haltung, Formatentwicklung und Zukunftsbildung.
Beitragsbild: Illustration erstellt mit Unterstützung von KI (recraft.ai)



